Braucht es die Energiestrategie 2050?

Urs Näf, stellvertretender Leiter des Bereichs Infrastruktur, Energie und Umwelt von Economiesuisse: Man könnte Gewisses schrittweise verbessern, aber die Energiestrategie geht eindeutig zu weit.

Eric Nussbaumer, Nationalrat SP und Präsident der Dachorganisation der Wirtschaft für erneuerbare Energien und Energieeffizienz AEE Suisse: Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, die Preisschwankungen, der Klimaschutz und das Restrisiko der Atomenergie sind genug Gründe für eine intelligente Strategie hin zu einer besseren und weiterhin zuverlässigen Energieversorgung.
Was halten Sie von der Laufzeitbegrenzung für Kernkraftwerke?

Christian Wasserfallen, Nationalrat FDP und Vorstandsmitglied des Nuklearforums Schweiz: Nicht viel. Die Sicherheitsanforderungen müssen der Taktgeber sein, nachgelagert kommen die wirtschaftlichen Investitionen. Das KKW Mühleberg wird aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. So muss es gehen.

Wo haben wir noch Potenzial?

Thomas Böhni, Nationalrat GLP und Präsident des Vereins Clean Fuel Now: Besonders rund um erneuerbare Energien und bei Wärmepumpen. Diese können 80 bis 90 Prozent der Öl- und Gasheizungen ersetzen.

Welche Rolle spielt Erdöl künftig?

Roland Bilang, Geschäftsführer der Schweizer Erdölvereinigung: Es wird noch viele Jahre lang eine wichtige Rolle spielen, in der Mobilität und rund um Wärme.

Näf: Wir müssten die fossilen Energieträger bis 2035 um etwa 50 Prozent zurückfahren. Dazu fehlen auch die Fachleute.

Böhni: In den letzten zwölf Jahren speisten wir 1,2 Prozent zusätzlichen erneuerbaren Strom ins Netz ein. Das schaffte Deutschland in einem halben Jahr.

Wasserfallen: Dort müssen nun wieder Kohlekraftwerke ans Netz, um es zu stabilisieren. Und: Rund um Mühleberg wissen wir nicht, wo der Strom künftig herkommt.

Nussbaumer: Wir hätten das Potenzial, drei Kraftwerke innerhalb weniger Jahre zu ersetzen.

Bilang: Etliche Rahmenbedingungen haben sich massiv verändert. Das alles funktioniert schlicht nicht so gut, wie Sie sich das vorstellten.

Böhni: Die erneuerbaren Energien wirken sogar viel besser zusammen, als wir dachten. Man könnte übrigens auch überschüssigen Strom in Treibstoff und Gas umwandeln – ohne Subventionen.

Näf: Weil die Preise so tief sind, werden fast nur noch subventionierte Anlagen gebaut. Doch auch eine grüne Energie kann über den Markt funktionieren. Unternehmen, die auf erneuerbare Energien setzen, sollten keine kostendeckende Einspeisevergütung bezahlen müssen.

Wasserfallen: Der freie Strommarkt wäre entscheidend oder ein Stromhandelsabkommen, das der Wasserkraft mehr Wert gibt.

Nussbaumer: Sie beschreiben viele Herausforderungen. Aber Sie haben keinerlei Gestaltungswillen, wie wir diese angehen sollen.

Bilang: Die Energieagentur der Wirtschaft und die Stiftung Klimarappen haben wegweisende Resultate im Klimaschutz und im Energieverbrauch erzielt. Der Bund bietet keine besseren Lösungen als die Wirtschaft.

Nussbaumer: Falsch! Nur dank dem CO2-Gesetz haben sie die freiwilligen Massnahmen umgesetzt.

Bilang: Aber sie waren freiwillig! Lassen Sie doch die Wirtschaft einfach machen und halten Sie sich raus. Wir kennen die Probleme.

Was kann man in Sachen Unterhalt und Sanierung der Gebäude tun?

Böhni: Wichtig ist ein internes Energiemanagement, zum Beispiel Gebäudekomplexe zusammenzufassen und auf einzelne Stromzähler zu verzichten.

Wasserfallen: Der einzelne Zähler muss bleiben, in einem liberalisierten Markt muss man individuelle Produkte beziehen können.

Näf: Eine intelligente Gebäudetechnik sollte der Gebäudehülle gleichberechtigt sein. Sie kann ähnlich viel bewirken.

Bilang: Man sollte einfach Technologie-neutral bleiben.

Was ist der Return on Investment der Energiewende?

Nussbaumer: Der Return on Investment ist die Transformation unseres Wirtschaftssystems hinsichtlich Arbeitsplatzvolumen, Wachstumsdynamik und des Umbaus in eine grüne Wirtschaft.

Böhni: Wir kaufen derzeit im Ausland für 13 Milliarden Franken erneuerbare Energien ein. Gemäss den Zielen der Strategie machen wir künftig jährlich zehn Milliarden inländische Wertschöpfung.

Näf: Die Wirtschaftlichkeit ist eine der Schlüsselfragen. Es besteht das Risiko, viele schlechte Investitionen in unwirtschaftliche Bereiche zu tätigen.

Bilang: Wir befürchten, dass die Energiestrategie ein teures Experiment wird. Die Auslandsabhängigkeit nimmt zu und das Ganze ist zu stark auf Subventionen ausgerichtet.

Wasserfallen: Man investiert 30 Milliarden Franken. In ein paar Jahrzehnten wird man ernüchtert sein, weil uns der erneuerbare Strom nicht zuverlässig versorgt.